#4 buliMEfree - eine Frage der Haltung

Hallo und schön, dass du da bist. Dies ist mein erster buliMEfree Post und ich bin nicht nur ein bisschen aufgeregt. Es ist eine Sache, sich mit einem Thema intensiv zu beschäftigen, Erfahrungen zu machen und für sich persönlich Lösungen zu entwickeln. Es ist aber eine ganz andere Sache, darüber zu sprechen.

Falls du an Bulimie oder einer anderen Essstörung leidest, kommt dir das vielleicht bekannt vor. Denn wir behalten doch viel für uns, klären alles mit uns selbst und wenn es doch was gibt, vertrauen wir es gerne nur dem Therapeuten an. Vielleicht hast du dich aber auch entschieden, noch nicht oder gar nicht zur Therapie zu gehen und hast niemanden, mit dem du darüber sprichst?

Dann wünsche ich dir wertvolle Impulse aus diesem buliMEfree - Letter und vor allem, das Gefühl, dass du damit nicht alleine bist. Das ist doch schonmal eine gute Nachricht und die zweite ist, dass es eine Menge unterschiedlicher Wege gibt wieder ein “normales” Leben ohne Essstörung zu führen.

Und genau darum soll es gehen in diesem Video - Also was kannst du erwarten?

Wie komme ich dazu diesen Newsletter zu starten?

Wie du in den kommenden Beiträgen sehen wirst beschäftigt mich das Thema Bulimie schon sehr sehr lange (ich würde sagen seit der Pupertät) und über all die Jahre habe ich versucht “gesund” zu werden und ein normales Essverhalten zu entwickeln. Ich muss auf jeden Fall mal ein Video dazu machen, was ich alles versucht habe (du wirst staunen). Doch nach all den Jahren glaube ich, dass ich an der falschen Stelle angefangen habe, etwas zu verändern.

Ich habe versucht mein Verhalten zu ändern ohne zu verstehen, wovon mein Verhalten gesteuert wurde. Und so war es ein ein sehr mühsames Unterfangen und um ehrlich zu sein bin ich mehr gescheitert als weitergekommen.

Dieses Gefühl etwas, dass ja alle anderen Menschen auch können, nicht “hinzukriegen” hat mich innerlich zerrissen und mich immer kleiner werden lassen. Vielleicht kommt dir das ja bekannt vor? Du nimmst dir vor, dass es heute anders wird, du die Schokolade nicht anfasst oder nur eine “normale” Portionsgröße isst - und schwupp, sind drei Teller Nudeln in deinem Magen - und das fühlt sich schon für gesunde Menschen nicht schön an.

Was also hat sich verändert?

Es war die Erkenntnis, dass ich mit diesem Verhalten (so destruktiv es auch sein mag) versucht habe, ein Problem zu lösen. Jetzt denkst du vielleicht zuerst daran, dass ich schön schlank sein wollte, weil ich zu viel Mädchenzeitschriften gelesen hatte. Doch um ehrlich zu sein ist es nicht das, worum es geht. Zumindest nicht der Kern dieser Störung.

Heute weiß ich, es geht um drei Dinge:

  1. Zugehörigkeit

  2. In mich selbst vertrauen

  3. Deutungsmacht

Die ersten beiden Begriffe haben viele schon gehört, bei der Deutungsmacht gehen die Interpretationen oft auseinander

Zugehörigkeit

Zugehörigkeit ist ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen. Schon direkt nach der Geburt, bevor das Baby das erste Mal trinkt, sorgt es durch Schreien dafür, dass sich die Eltern dem Kind annehmen. Und die Natur hat dafür gesorgt, dass die Mütter mit ausreichend Oxytozin, dem Bindungshormon ausgestattet sind, um ihr Neugeborenes anzunehmen.

Doch nicht nur nach der Geburt ist das Gefühl, angenommen und sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen, wichtig. Gerade in der Pubertät, wenn die Hormone einschießen und Freundschaften sich verändern, auflösen und neu knüpfen, ist es enorm wichtig, das Gefühl zu haben, so wie man ist akzeptiert zu sein - quasi einen sicheren Hafen zu haben.

Dann können wir ein Gefühl entwickeln von Selbstvertrauen, Vertrauen in uns und in die Welt, neue Erfahrungen machen und uns wirklich entwickeln. Ohne Angst zu haben “verstoßen zu werden“. Denn, und da kommen wir am Schluss noch einmal zu “Angst” ist keine gute Basis für eine gesunde Entwicklung.

SELBSTvertrauen

In mich selbst vertrauen - wow, das ist für mich eines der größten Wörter - Selbstvertrauen - und ich bin immer wieder überrascht wie oft das Wort verbunden wird mit Selbstmotivation, Introvertiertheit oder auch Machogehabe. In mich selbst vertrauen bedeutet für mich, in meine eigenen Gefühle, Empfindungen und Fähigkeiten zu vertrauen. Und die Interpretation dessen, was ich selbst empfinde niemand anderem zu überlassen. Lass dir das mal kurz auf der Zunge zergehen - deine Gefühle und Emotionen nicht zu hinterfragen sondern als zu dir selbst gehörend anzunehmen und nach außen hin zu vertreten. Wie fühlt sich das für dich an?

Deutungsmacht

Das ist ein Wort, das lange nicht Bestandteil meines aktiven Wortschatzes war und welches ich in seiner Bedeutung erst Stück für Stück begreife. Mit Deutungsmacht ist gemeint, dass ich mir auf Basis meines Wissens und meiner Erfahrung selbst zutraue, das Erfahrene zu deuten, zu interpretieren und stimmige Entscheidungen zu treffen. Das kann anfangen bei der Frage, ob ich Kaffee oder Tee möchte, ob ich gerne lerne oder nicht, was ich lerne, mit wem ich meine Zeit verbringe etc.

Doch sind wir mal ehrlich, hast du das gelernt? Bist du darin unterstützt worden, dass deine Sicht auf die Welt in Ordnung ist, nicht infrage gestellt oder dir zugetraut wird, deine eigenen Entscheidungen zu treffen?

Im Leben eines Kindes ist viel vorgegeben, der Kindergartenalltag, die Schule, später der Beruf - so vieles bewegt sich in vorgefertigten Bahnen, die wir für selbstverständlich halten, wenig hinterfragen und einfach hinnehmen. In der Schule wird dir sogar vorgeschrieben, wofür du dich interessieren sollst, und wenn du es nicht tust, dann wirst du motiviert oder erhältst eine Diagnose.

Ich weiß, das klingt jetzt platt und ist auch nicht im Detail Inhalt dieses Newsletters. Doch wie sehr passt es wirklich zu dir und dem, was du vom Leben möchtest? Zu dem, was dich interessiert, mit Lebendigkeit füllt und deinen Tag freudvoll erleben lässt.

Zu diesem Thema mache ich auf jeden Fall einen eigenen Newsletter ;).

Deutungsmacht bedeutet auch, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und anzunehmen. Denn wenn du das wieder kannst (das kann übrigens jedes Kind, bis wir es abtrainiert bekommen) und lernst, darauf zu vertrauen, dich von dir selbst leiten zu lassen und dir nicht von anderen sagen lassen musst, was es bedeutet - dann kommst du ein Stück näher zu dir selbst und auch zu dem Gefühl aus dir selbst heraus zu handeln.

Wie du siehst, sind die drei Punkte keine Anleitungen für ein Verhalten, sondern eine Frage der Haltung. Es ist unsere innere, oft unbewusste Haltung zu einem Thema, welche uns steuert und uns das Gefühl gibt, so vielen Dingen ausgeliefert zu sein und sie nicht ändern zu können.

Daher möchte ich dich einladen, zu einem kleinen Gedankenspiel:

Was wäre, wenn du dich wohlfühlen würdest, angenommen und geliebt, wenn du das Gefühl hättest Verbunden zu sein mit den Menschen und der Welt um dich herum. Was wäre, wenn deine innere Stimme dein Wegweiser wäre und du auf die kleinen leisen Impulse, die dein Körper sendet hören würdest? Wie wäre das? Und jetzt setzen wir noch einen drauf und du würdest die die Fähigkeit zusprechen, dass deine Wahrnehmungen in Ordnung sind, das du dich darauf verlassen kannst und deine eigenen Schlüsse ziehen kannst, egal, was andere dazu sagen?

Wow - ich finde das ein großartiges Gefühl.

Freiheit ist eine innere Haltung

In diesem Sinne, freue ich mich, wenn du etwas für dich mitnehmen konntest :)

Alles Liebe, Natascha

Weiter
Weiter

Letter #3 Neue Räume - neue Möglichkeiten